Der 6. Klever Poetry-Slam im Radhaus…

…war ein voller Erfolg! Auf der Bühne zu sehen waren am 24.10. nicht nur zwei Schülerinnen der Q1, die sich zum ersten Mal dem Wettstreit mit anderen Slammern aussetzten, sondern – altbewährt – auch unsere Band Basement Kid.Nachdem einige Schülerinnen und Schüler der Q1 am Vormittag  den Workshop in der VHS unter der Leitung von Patrick Salmen, einem bekannten deutschen Slam-Poeten, absolviert hatten, konnten sie am Abend die Möglichkeit ergreifen, ihre selbst geschriebenen Texte zu performen.

Patrick Salmen, zum ersten Mal in Sachen Slam in Kleve unterwegs, führte witzig und charmant durch den Abend. Um den Neulingen die Angst vor der Bühne zu nehmen, stellte er gleich zu Beginn einen seiner Texte vor und erklärte die Regeln des Slams: Es dürfen nur selbst verfasste Texte vorgetragen werden, und das ohne Requisiten. Die Lautstärke des Beifalls des Publikums entscheidet am Ende über den Sieger des Abends. Rieke machte den Anfang und fragte kritisch, inwiefern Deutschland als Vorzeigeland gelten könne, Katharina trug anschließend eine dramatische Familiengeschichte vor. Sie wurden natürlich lautstark von ihren Mitschülern unterstützt, so dass am Ende beide den zweiten Platz belegten. Der erste Platz ging schließlich an Max, der das Publikum sofort mit seinen witzigen Statements und seiner Bühnenpräsenz überzeugte. Auch Jana stand nicht zum ersten Mal auf der Bühne und sorgte für einige Lacher! Die verliehenen Buchpreise, natürlich Slamlektüre, wurden von der Buchhandlugn Hintzen gestiftet.

Maßgeblich trugen zur guten Stimmung Basement Kid bei, die nicht nur Patricks Geschmack trafen, der sie immer wieder für ihre tollen Einlagen lobte, sondern auch das Publikum begeisterten. Bei ihrem mittlerweile dritten Slamauftritt zeigten sie ihr Können sowohl in kurzen, perfekt umgesetzten Einspielern als auch ganzen Songs, die dem Programm und der Pause den richtigen Sound gaben. Im zweiten Teil präsentierte Patrick unter anderem Städterätsel der etwas anderen Art, die die Kreativität und Lachmuskeln des Publikums auf die Probe stellten. Die Zeit ging wieder einmal viel zu schnell um!

Wir sind gespannt auf den nächsten Slam und danken der VHS, der Buchhandlung Hintzen, dem Radhaus, dem Jugendamt, dem Berufskolleg, dem KAG und dem Kultursekretariat NRW für die tolle Zusammenarbeit! Weiter unten gibt´s als Bonbon Katharinas Kurzgeschichte zu lesen – viel Spaß!

Fotos: Kirstin Beyer, Max Privik. Text: Désirée Menne

Alles Egal

von Katharina (Q1)

Mein Herz raste und mein Blut pochte in meinem Kopf. Ich rannte. Jeder Schritt schmerzte in den Beinen. Bloß nicht stehen bleiben. Es war kalt. Ich hörte meinen eigenen Atem. Er war schnell und mein Hals war trocken. Der Wind stach mir in die Augen und ich sah nur noch weiß. Ich rannte weiter. Wenn ich jetzt stehen bleiben würde, würde ich zusammen klappen und nie wieder aufstehen. Eine Träne nach der anderen lief mir die Wangen herunter. Ich wollte nicht mehr dran denken, einfach vergessen. Immer wieder durchlebte ich diesen Moment.

Meine Familie und ich waren auf dem Weg in die Schweiz. Wir verbrachten dort jedes Weihnachten. Mein Bruder hörte ein Hörbuch und aß ein Brötchen. Meine Mutter schlief und mein Stiefvater fuhr. Mama und er wechselten sich immer ab mit dem Fahren. Lange Autofahrten sind anstrengend und langweilig, aber man hat es schön warm. Da wir über Nacht fuhren, döste ich immer mal zwischendurch ein. Die Geräusche des Autos konnte ich nicht hören, da die ruhige Musik aus meinen Kopfhörern mich umgab. Ich schaute aus dem Fenster und beobachtete die Lichter, die vorbeiflogen. Meine Augenlider wurden immer schwerer und ich schlief irgendwann ein.
Als ich aufwachte, stritten sich die Erwachsenen über die Fahrtrichtung und regten sich über das Navigationsgerät auf. Das war normal. Sie waren müde und hatten Stress. Ich beschloss meine Musik lauter zu drehen und weiter zu schlafen. Das Gesicht eines Mannes tauchte vor dem Innern meines Auges auf und sah mich mit leuchtend blauen Augen an. Sein Mund formten Wörter, doch ich hörte nichts außer meine Gedanken, die „Papa“ riefen. Dann war er weg.

Plötzlich ging alles ganz schnell… Meine Mutter schrie und ich hörte Reifen quietschen. Ich hielt meine Ohren zu und schloss die Augen. Innerlich betete ich, dass nichts Schlimmes passieren würde. Ich hatte mich nicht angeschnallt und landete auf dem Boden des Autos. Dabei stieß ich mir meine Ellbogen, mein Knie und meinen Kopf. Dann gab es einen lauten Knall und es war still.
Das Auto hatte angehalten und ich traute mich die Augen wieder zu öffnen. Das erste, was ich sah, war die Autodecke, die mit roten Flecken gesprenkelt war. Verwirrt setzte ich mich auf und wurde sofort mit einem Ziehen im Nacken bestraft. Dann sah ich es. Es war überall Blut und meine Familie lag reglos darin. Ich schüttelte meinen Bruder an den Schultern und rief seinen Namen, doch er machte die Augen nicht auf. Ich schaute zu meiner Mutter nach vorne…NEIN!
Ich stieg aus dem Auto und wurde von Lichtern geblendet. Mein Körper zitterte und ich sah nur noch die Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich nahm Stimmen wahr, aber ich verstand sie nicht. Hier und da eine Hand an meinem Arm oder auf meiner Schulter…. Ich konnte das nicht. Ich rannte los. Irgendwo hin, nur weg von hier. Jemand rannte mir nach, doch ich rannte weiter. So rannte ich nun mit schmerzendem Herzen. Kleine Schneeflocken wurden in mein Gesicht geweht und schmolzen sofort wieder. Plötzlich hörte ich einen schrillen hohen Ton und ein stechender Schmerz verkrampfte meinen Bauch und mir wurde schwindelig. Im nächsten Moment lag ich auf dem Boden…

Langsam öffnete ich die Augen. Über mir ein Holzdach. Das warme Licht flackerte. Schatten tanzten über das Holz. Ich lag auf etwas Weichem und mir war warm. So kuschelig warm. Ich zog die Wolldecke noch ein bisschen höher. „Ah, du bist wach.“, sagte eine weiche tiefe Stimme. Kurz darauf erschien ein Gesicht über meinem. Es war ein warmes Lächeln, dass seine Lippen umspielte und ihn für mich gleich vertrauenswürdig machte. Die Brille verstärkte den Glanz seiner blauen Augen und der Bart machte ihn zu einem liebenswürdigem Bär. Ich lächelte zurück und setzte mich auf. Der Mann, ich schätzte ihn auf Mitte vierzig, fragte mich, ob es mir gut ginge und ich nickte stumm. Danach stellte er sich vor. „Hi, ich bin David. Hab dich im Schnee vor der Hütte gefunden und hier her gebracht. Warum warst du denn da draußen und dann noch allein?“ „Ich, äh ich war…“ Ich schluckte. Mein Kopf war leer. War ich draußen gewesen? Was hatte ich gemacht, bevor ich hier in der Hütte aufgewacht bin? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich ging weiter zurück fragte mich, was ich gestern gemacht hatte, doch es kam nichts. Leer. Ich antwortete also wahrheitsgemäß, dass ich keine Ahnung hatte. Der Mann guckte sofort wieder besorgt aber dann lächelte er. „Dann sag mir wenigstens deinen Namen, vielleicht kenne ich ja deine Eltern.“ „Klar!“ Doch noch bevor ich das Wort zu Ende gesprochen hatte, merkte ich, dass auch dann nur Leere in meinem Kopf war und Panik machte sich breit. Tränen liefen mir die Wangen herunter und ich schlang meine Arme um mich, um das Zittern meines Körpers zu beruhigen. Der Mann guckte mich überrascht an, doch als er die Worte „ Oh, shit“ aussprach, wusste ich, dass er es begriffen hatte.
An dem Abend tröstete der Man mich und erzählte ein bisschen von sich, um mich abzulenken. Es half. Die nächsten Monate lebte ich mit diesem Mann in der Hütte und wir versuchten herauszufinden, wer ich war. Er wurde immer mehr zu einem Vater für mich und ich war wie seine Tochter. Wir lachten viel zusammen und vergaßen, dass es auch eine Zeit gab, in der wir nicht in dieser Hütte  gelebt hatten. Wir waren glücklich und der Rest war mir egal.