René Schoemakers “Blendwerk”

Philosophie-Exkursion ins Städtische Museum Kalkar

„Kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Dieses Zitat von Paul Klee ist wohl Ausdruck dessen, was wir im Allgemeinen von der Kunst erwarten: dass sie etwas vermittelt, ob nun Kritik oder die Verdeutlichung von etwas, das der Künstler weitergeben will. Mit dieser Einstellung zur Funktion von Kunst dürften die meisten von uns, dem Philosophie Kurs der Q1 von Frau Frankfurth, am 13.4.2018 um 9:45 an der Stechbahn in den Bus gestiegen sein, welcher uns in das Städtische Museum Kalkar bringen sollte, wo wir die Ausstellung „Blendwerk“ von René Schoemakers betrachten sollten. Dabei stammt der Künstler, der uns seine beeindruckenden Werke präsentierte, selber vom Niederrhein und besuchte in seiner Jugend, wie auch wir, das Freiherr-vom-Stein Gymnasium Kleve. In der Retrospektive beurteilt er die Stadt Kleve als einen langweiligen Ort, was ihm vermutlich dabei half, sich voll und ganz auf sein frühes Schaffen als Künstler zu konzentrieren. Denn schon in seiner Jugend zeigte sich, wohin der Weg einmal führen wird. So verlagerte er seinen Schlafplatz im Alter von ca. 16 Jahren in das Atelier, dass er sich in seinem Elternhaus eingerichtet hatte, um so intensiv wie möglich in seiner Kunst aufzugehen. Sein Talent präsentierte er ebenfalls mit 16 Jahren zum ersten Mal der Öffentlichkeit, als er damit begann seine Werke auf Kunstausstellungen in der Umgebung auszustellen. Unter diesen Orten war auch das Haus Koekkoek, in dem viele sicherlich bereits einmal waren. Schon in dieser Zeit zeigte sich eines der Merkmale seiner Arbeiten, das auch in seiner aktuellen Ausstellung nahezu omnipräsent ist: Die Arbeit mit seiner Frau als Model. Sie ist die Grundlage für einen Großteil seines Schaffens, seit er sie 1987 mit 15 Jahren kennenlernte und seitdem mit ihr gemeinsame Wege geht. Dabei ist seine Frau auf den Leinwänden in den meisten Fällen nackt oder nur sehr sparsam gekleidet, was in Kombination mit dem naturalistischen malerischen Idiom, was konkret die strenge Einhaltung von Proportionen des Gemalten, sowie eine hohe Erkennbarkeit der Materialbeschaffenheit bedeutet, zu einer sehr beeindruckten, aber auch skeptischen Reaktion unsererseits geführt hat. Ein Bild, auf dem seine Frau auf dem Boden liegend von vielerlei Stöcken durchdrungen ist, an deren Enden ihr Blut austritt, stimmte uns in diesem Zusammenhang besonders nachdenklich. „Was will der uns nur damit sagen?“ fragten mich einige oder „Was ist die Intention dieser so real gemalten Darstellungen?“, womit wir bei der einleitenden These Klee´s wären. Was wollte uns Herr Schoemakers mit seinen so fantastisch gemalten und aus einigen Metern Entfernung wie Fotografien anmutenden Bildern vermitteln?

Nachdem wir einige Zeit verbracht hatten, uns eigenständig mit den Kunstwerken auseinanderzusetzen, bekamen wir die Gelegenheit mit dem Künstler selbst zu sprechen und ihm unsere Fragen zu seinen Werken zu stellen. Wie nach unseren ersten Reaktionen zu erwarten war, wurde Herr Schoemakers mit Fragen über die Intention seiner Bilder, sowie Nachfragen nach den Hintergründen, die ihn zu solchen Abbilden motivieren, gelöchert. Doch anstatt uns einen Vortrag über eine verloRené Kindheit oder einen besonderen inneren Zwiespalt zu halten, waren diese Fragen für ihn in einem Satz beantwortet: „Ich denke mir nichts dabei, das ist nur eine Spielerei für mich.“. Wir waren verblüfft. Wie kann jemand, der so außerordentlich talentiert in seinem Tun ist und seine Leidenschaft sein Leben lang betreibt, keine Absicht mit seinen Bildern verfolgen? Auch nach mehrmaliger Nachfrage versicherte er uns, dass ihn kein politisches Motiv oder eine moralische Botschaft in seinem Schaffensprozess antreibe. Stattdessen beschrieb er uns den Weg von der Idee zum Kunstwerk als einen äußerst langwierigen, dynamischen Prozess, bei dem vieles an seiner ersten Vorstellung modifiziert und seinen Vorstellungen angepasst wird. Auf seiner künstlerischen Reise versucht er vielschichtig zu Arbeiten und Ebenen der Realität, wie auch der Kunst miteinander zu verknüpfen. Im Weiteren berichtete er uns, dass er das Stilmittel der Nacktheit seiner Frau aus dem Grund einsetze, um jegliche politische, wie gesellschaftliche oder ethnische Assoziation im Betrachter vorzubeugen. Passend zu dieser Unberührtheit, erzählt er uns, dass er in einige seiner Werke die Bilder seiner Kinder einfließen lässt, wofür er uns als Grund die natürliche und direkte Weltsicht des jungen Heranwachsenden angab. So einfach macht René Schoemakers es sich jedoch nicht immer bei der Schaffung der Motive seiner Bilder, denn er legt sehr großen Wert auf die Qualität der Werke, die er den Fotografien von selbst hergestellten Kulissen oder Gegenständen nachempfindet. „Ist das Bild beschissen gemalt, ist es ein beschissenes Bild“, sagt er selbst, was uns erneut zeigte, mit welchem Pragmatismus und mit welcher Gelassenheit er an seine Arbeit herantritt. Daher hatte er auch keine Scheu davor, sich nackt auf dem Boden sitzend abzulichten und zu malen. Diese Verwendung von konkreten, im Zusammenhang zueinander stehenden Personen, berichtete er, führt bei vielen kunstbegeisterten Sammlern dazu, die in fantastischer Art geschaffenen Werke nicht in ihre Sammlungen aufzunehmen, da die Nähe der gemalten Menschen bedrückend auf sie wirke. Da der Mensch und besonders sein Körper Hauptbestandteil seiner Arbeit sind, wird er dieses Problem bei der Veräußerung seiner Kunst sicherlich öfter hören, was jedoch nichts daran ändert, dass er den Corpus in dem sich jedes menschliche Wesen befindet für ein Objekt höchsten Ausdrucks hält.

Als die Fragerunde sich dem Ende neigte, hatten wir alle etwas an Aufschluss darüber gewonnen, was in dem Kopf eines Künstlers vorgeht. Diese Erleuchtung hatte jedoch eine gewisse Skepsis im Schlepptau, ob der Intentionsfreiheit, von der René Schoemakers uns im Bezug auf seine Werke überzeugen wollte.

Im Anschluss gewährte Herr Schoemakers uns durch eine von ihm vorbereitete Präsentation einen Einblick in den Weg, den eine Idee vom abstrakten Gedanken zum materiellen Objekt zurücklegte. Hierbei zeigte er uns Bilder von der Herstellung seiner Motive, wie er etwa aus etwas Wolle, grünem Tonpapier und einer Glühlampe, einen Gegenstand formte, der, im Dunkeln abgelichtet, den Eindruck erweckte eine explodierende Stange Sprengstoffs zu sein. Unter diesen Bildern waren ebenfalls solche, die die kunstvolle Arbeit zur Präparierung seiner Frau zum von Holz durchlöcherten Wesen darstellten und es wurde uns klar, welche große Faszination die Arbeit mit der Kunst für Schoemakers darstellt. In manchen Fällen bedient er sich der Computertechnik, um schwebende Gegenstände oder andere aufwendige Inhalte zu inszenieren, die den Gesetzen der Physik zuwiderlaufen. Dennoch bleibt seine Begabung am Pinsel das wohl Beeindruckendste was wir an diesem Tag sahen. Damit seine Bilder so realitätsnah wie möglich sind, verwendet er verschiedene Techniken der Malerei, auch weil er die Inszenierung eines Bildes für eine der, wenn nicht für die wichtigste Eigenschaft hält.

Nach einem so interessanten Vormittag in Kalkar und einer kurzen Busfahrt zurück nach Kleve, versuchten viele meiner Mitschüler, sowie auch ich, herauszufinden, was wir aus dem Vortrag Herrn Schoemakers und unserer persönlichen Auseinandersetzung mit den Kunstwerken, mitnehmen. In der nächsten Unterrichtsstunde trugen wir unsere Impressionen zusammen. „Es hat mich genervt, dass er nicht gesagt hat, was er sich dabei gedacht hat.“, sagte eine Mitschülerin und drückte wohl die einzige Unstimmigkeit aus, die uns in der Zeit aufgefallen war. „Ich fand es interessant, dass wir uns mit diesen Bildern befasst haben, weil ich das in meiner Freizeit nicht getan hätte“., ließ ein anderer Schüler verlauten, was zeigt, dass die Zeit in Kalkar dennoch etwas bewirkt hat, in jedem Falle was unsere Sicht auf die Kunst an sich angeht. Dass die Ausstellung für uns in erster Linie aus ästhetischer Sicht Bereicherung war und es zu einem tieferen Verständnis und Durchdringung der Werke mehr Zeit bedarf, war auch die Meinung zweier der Kursmitglieder, als sie sagten: „Ich bewundere seine künstlerische Fähigkeit(…)seinen Mut. Intellektuell haben die Bilder nicht viel mit mir gemacht.“ bzw. „Es war eine Wucht, doch es war anstrengend aus den Bildern etwas rauszuziehen.“.

Alles in Allem war unsere Exkursion jedoch eine Bereicherung und Erweiterung unseres künstlerischen und intellektuellen Spektrums und genügte hinzu noch dem Anspruch unseres Unterrichts in Philosophie, da der Titel einer Serie „Das schuldbefreite Selbst“ uns während der Betrachtung und Auseinandersetzung mit aus künstlerischer Sicht außergewöhnlich gefertigtem Bildmaterial uns nachdenken ließ, inwieweit sich denn der Mensch, trotz seiner ihn determinierenden Faktoren, .frei nennen kann.

von Jonas Ingensand