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CEMBALO ON TOUR

CEMBALO ON TOUR

Professor Ludger Rémy zu Besuch bei der Jahrgangsstufe 9

von K. Beyer

Wie unerwartet schwergewichtig ein Cembalo trotz seines zierlichen Klanges ist, erfuhren unsere 9-Klässler, als der Ex-Steiner Professor Ludger Rémy aus Dresden uns mit eben diesem besonderen Instrument besuchte, welches trotz seines Flügels nicht einfach so zur Aula hochflattern wollte 😉 Doch die Schlepperei hat sich gelohnt: Wir konnten ein wunderschönes Cembalo bewundern – für dessen Perfektion der Instrumentenbauer übrigens 17 Jahre benötigte!

Wer nun nicht sicher ist, ob er schon mal ein Cembalo gehört hat, findet natürlich schnell etwas im Netz. Dieses Instrument, das beispielsweise von Komponisten des 17./18. Jahrhunderts wie Johann Sebastian Bach gespielt wurde, schon lange, bevor es das Klavier in der Art gab, die wir heute als „Standard“-Tasteninstrument kennen, wird sogar häufiger als vielleicht angenommen auch in der Film-Musik eingesetzt: Natürlich bevorzugt in Szenen, die auch bildlich das Spielen eines Cembalo zeigen, in Filmen, die allgemein in der Zeit um das 17. Jahrhundert herum spielen, und dort in der Regel im höfischen Umfeld, denn das Cembalo ist ein Instrument, das sich nicht „Jeder“ leisten konnte (und das man sich, wie bereits eingangs bemerkt, nicht einfach so unter den Arm klemmen konnte, um damit in der nächsten Kneipe aufzutreten), und auch heute befinden sich Cembali schnell im Preisrahmen von Luxusautos – und handelt es sich um historische Instrumente, auf denen „nachweislich“ ein in die Geschichte eingegangener Komponist/Musiker gespielt hat, ist nach oben keine Preisgrenze fixiert. So finden sich sogar in Vampir-Filmen mitunter Cembaloklänge, denn Vampire sind in der Regel steinreich und uuuralt dazu – aber das nur am Rande 😉

Zurück zu Professor Rémy: Seine musikalische Laufbahn als Sohn eines Land-Tierarztes aus Wissel bei Kalkar war sicher nicht vorauszusehen, ergab sich dann aber durch sein Klavierspiel und anschließendes Studium in Freiburg im Breisgau. Sein zusätzliches großes Interesse für Geschichte brachte Ludger Rémy zum Cembalo und führte zu internationalem Renommée, insbesondere als Dirigent sogenannter „älterer Musik“. Auch nach seiner Emeritierung (so nennt man es, wenn ein Uni-Professor offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird) geht seine freiberufliche Tätigkeit weiter, auch an der Musikhochschule Dresden, wo er nun sogar mehr unterrichtet als zuvor.

Dass der Beruf des Musikers nicht dem Bild entspricht, das Ludger Rémy selbst vor Beginn seines Berufslebens vor Augen hatte und vor allem nicht das ist, welches in der Phantasie vieler, vor allem junger Leute existiert, erfuhr er recht schnell, indem beispielsweise die „Musiker-Regel“ griff, dass man, auch, wenn man schon etliche „gute“ Konzerte gepielt hat, für ein einziges „schlechtes“ Konzert wieder etliche weitere „gute“ Konzerte „abzuliefern“ hat. Und dass das, was man allgemein in der Schule und im Studium lernt, nur so etwas wie kleine Sandförmchen-Gebilde darstellt inmitten einer riesigen Menge umliegenden Sandes, der sich vielfältig miteinander vermischt, so dass die allgemein bekannten Epochen-Unterteilungen bei genauerem Hinsehen nicht zutreffend sind, lehrten ihn seine eigenen Forschungen, im Rahmen derer er auch Komponisten und ihre Musik „wiederentdeckte“. Besonders interessant ist das Phänomen, dass Musik oft als „feststehend“ betrachtet wird, in dem Sinne, sie müsse auf eine ganz bestimmte Art empfunden, auf eine ganz bestimmte Art gespielt werden – und man erst nach Jahren weiterer Beschäftigung mit dieser Musik zur begründeten Annahme kommt, dass diese Auffassungen revidiert werden müssen. Und wie nun ganz genau vor Jahrhunderten Musik gespielt wurde, kann heute einfach nur noch –je nach Quellenlage der Forschungen der sogenannten „historischen Aufführungspraxis“- vermutet werden, eine „absolute Wahrheit“ kann es wohl nicht geben. Wie interessant wäre es, Original-Ton-Aufnahmen anhören zu können! Aber davon können die Forscher und Musiker bezüglich der „Cembalo-Zeit“ nur träumen, da konnte ein Musiker noch so reich sein, Aufnahmetechnik existierte einfach noch nicht – oder wäre die Forschung heute dann vielleicht auch gar nicht mehr so spannend?

Von so viel Musik umgeben, ergibt es sich von selbst, dass Professor Rémy in seiner Freizeit „keine“ Musik mehr hört.

Womit hat sich Ludger Rémy dann wohl die lange Zeit im Auto mit seinem gut gepolsterten und noch „schlafenden“ Cembalo im erweiterten Kofferraum im wahrsten Sinne des Wortes quer durch Deutschland stundenlang vertrieben, wenn nicht mit Musik? Bestimmt mit der Erinnerung an seine eigene Schulzeit damals hier am Freiherr-vom-Stein-Jungen-Gymnasium der ausgehenden 1960er Jahre, die umgangssprachlich als „Hippie-Zeit“ in die Geschichtsschreibung eingegangen ist: Nach wenigen Schritten durch den Altbau glich Ludger Rémy seine Erinnerung an damals mit der Gegenwart ab: „Hier sieht es ja immer noch genau so aus!“

Das Mittagessen in unserer Mensa vermochte es allerdings, die Zeitmaschine wieder auf das Jahr 2015 zu programmieren, während wir noch lange an wunderbare Cembalo-Klänge aus vergangenen Zeiten denken werden!

Wer mehr über Professor Rémy erfahren möchte:                                                               ludger-remy.de

de.wikipedia.org/wiki/Ludger_Rémy