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Zeitzeugenbericht der Eheleute Korth

Von Nils und Julian

„Keine schlechte Idee, wäre prima“

So reagierte Harald auf die Idee seine Frau, bei einer Flucht aus der DDR zu helfen

Im Zuge des Geschichtszusatzkurses in der Q2 am Freiherr-vom-Stein Gymnasium haben wir das Ehepaar Harald und Karin Korth zu einem Zeitzeugenbericht zu einer damaligen Flucht aus der DDR eingeladen. Trotz der erschwerten Coronasituation wurde es uns, vor allem mit der Hilfe von Frau Bergmann, möglich gemacht, die beiden am 18.3.2022 bei uns in der Aula zu empfangen.

Vorab stellen wir euch die Kurzbiographie der Eheleute vor, um euch im Anschluss ein veranschaulichendes Bild des Fluchtvorgangs darzulegen.

Harald Korth wurde 1945 in Schleswig Holstein geboren und war unter anderem in Kiel, Bonn und Flensburg sesshaft. Nach seinem Abitur, welches er in Kiel abschloss, verpflichtete er sich für 2 Jahre zum Grundwehrdienst (Abschluss Leutnant d. R.) und studierte danach Wirtschaftsingenieurwesen in Berlin. Nach 5 Jahren schloss er 1972 sein Diplom in Berlin ab und fing seinen ersten Beruf in Duisburg an. Parallel begann er in Berlin mit der Promotion und besuchte daher öfter Westberlin.

Karin Korth wurde 1951 in Ostberlin geboren und schloss 1970 ihr Abitur in Dresden ab. Sie verfolgte das Ziel eines Medizinstudiums, was ihr trotz der Rolle ihres Vaters (Prof. Dr. med.), welcher Leiter des Roten Kreuzes in der DDR war, verwehrt wurde („Kind eines Intellektuellen“). Daraufhin begann sie eine mittlere medizinische Ausbildung und arbeitete danach in einer Hautklinik in Ostberlin. Nach ihrem dortigen praktischen Jahr erhielt sie 1973 die Genehmigung für ein Fachhochschulstudium in Potsdam und wollte Ausbilderin für medizinische Kosmetik werden. Sie lebte in Potsdam im, der Hochschule angeschlossenen, Internat.

Doch wie kam nun der Kontakt der beiden zustande?

1968, im Prager Frühling, lernten sie sich durch weitreichende familiäre Verknüpfungen bei einer Reise von Harald von Berlin nach Prag kennen, die er zu einem verbotenen Abstecher nach Dresden nutzte. Karin stand zu der Zeit kurz vor ihrem Abitur. Danach hielten beide Briefkontakt und trafen sich ab und an in Ostberlin. Mitte 1973 besuchte Harald sie eine Woche bei ihren Eltern in Dresden mit einem Visum. Am 1. November reiste Harald für 4 Tage nach Berlin, u.a. zu seinem Doktorvater. Nachmittags trafen sich dann Karin und Harald immer auf dem Alexanderplatz unter der Weltuhr. Zu dem Zeitpunkt hatten beide kaum Gedanken an eine Flucht, weil es ausweglos erschien. Beim Abschied des letzten Tages erzählte Karin, dass ihr Bruder Klaus-Dieter vor drei Monaten in den Westen geflüchtet sei und empfahl, ihn doch mal anzurufen. Harald, zurück im Westen, rief Klaus Dieter ohne direkte Idee an eine Flucht an und berichtete von seinem Treffen mit der Schwester. Daraufhin fragte Klaus-Dieter ganz direkt: „Soll sie auch rüberkommen?“

Harald nahm dies vorerst nicht so ernst und stimmte ohne großes Nachdenken über die Konsequenzen zu und schlug spontan den 15.11. als Fluchttag vor. Klaus Dieter lud ihn daraufhin am Sonnabend, 10.11.73 nach Hannover ein. Bei dem Besuch schilderte er Harald ganz konkret, was zur Flucht von ihm noch zu erledigen sei (Geld beschaffen, ein Erkennungszeichen besorgen, Karin informieren, Treffzeiten und „Codewort“ übergeben). Die größte Herausforderung war, Karin so kurzfristig telefonisch zu erreichen („sie wusste ja nichts von der Flucht – würde sie überhaupt zustimmen?“), weil Direktwahl damals vom Westen nicht möglich war und Telefonate in der Regel abgehört wurden: „Die Stasi-Ohren waren überall!“. Letztlich konnte Haralds Westberliner Freund ihr ins Internat die Botschaft „Dienstag 16 Uhr Alexanderplatz“ ohne jeden weiteren Kommentar endlich Montag früh durchgeben. Montag beschaffte Harald das notwendige Fluchtgeld und fuhr bereits abends mit seinem PKW nach Westberlin, um Dienstag, 13.11. in Ostberlin Karin zu treffen und alle weiteren Vorbereitungen zu erledigen – dazu gehörte auch, ein Kunstwerk aus der DDR mit in den Westen zu „schmuggeln“ – daher musste er Dienstag mit seinem PKW über die Grenze fahren.

Das Treffen kam am Alexanderplatz um 16 Uhr zustande, wo Karin zum ersten Mal von der längst feststehenden Flucht erfuhr. Beide fuhren mit Haralds „Käfer“ als abhörsicheren, faradayscher Käfig durch Berlin und besprachen alles, was nun zur Flucht notwendig war.

Wie lief die Flucht nun genau ab?

Karin musste am 15.11. mit der Straßenbahn zum Bahnhof in Gotha fahren und ihre vorherige starke Aufregung ließ erst langsam nach. Die erste Komplikation gab es durch eine falsch gebuchte Fahrkarte. Mit Glück konnte Karin die Karte umtauschen und kam mit einer Stunde Verspätung an. Da ab 14:00 Uhr zu jeder vollen Stunde ein Treffen „mit Codewort“ des unbekannten Fluchthelfers vereinbart war, war dies jedoch kein Problem. Aus dem Nichts sprach sie ein Mann plötzlich mit dem Codewort an, und führte sie zu seinem BMW. Vor Aufregung nach einer Beruhigungstablette gefragt, sollte sie sich diese aus einem Köfferchen von der Rücksitzbank holen. Was fand sie: „einen Trommelrevolver mit Schalldämpfer – ok!“. Während der Fahrt auf der Autobahn musste sie die umgebaute Rücksitzbank etwas hochklappen und in den Kofferraum krabbeln („es war damals bereits bekannt, dass sämtliche Parkplätze von der Stasi, versteckt in West-PKWs, bewacht waren“). Im Grenzbereich hielt der PKW mehrfach an und wurden die Ausweise des Fahrers kontrolliert. Karin vernahm die Stimmen, blieb aber ganz ruhig auch bei größter Anspannung. Zwei Halte später öffnete sich plötzlich die Klappe des Kofferraums und sie sah nur den Fluchthelfer. Sie hatten es geschafft, super Freudentränen flossen[1]). Der Fluchthelfer brachte Karin noch nach Hannover, wo sie Klaus-Dieter empfing und dann an Harald weiter übergab.

Im Nachhinein erfuhren beide, dass die Risiken erstaunlich hoch waren. Der Fluchthelfer wurde eine Woche später verhaftet (10 Jahre DDR-Gefängnis!). Hätten sie diese Risiken vorher gewusst, hätten sie nie eine Flucht geplant. Neue Infrarot- (auch Röntgen-) Techniken wurden bereits teilweise eingesetzt, um die Fahrzeuge zu durchleuchten. Außerdem wurden Spürhunde genutzt. Karin schien einen „Schutzengel“ gehabt zu haben.

„Die Flucht verfolgte Karin noch lange. Angstzustände, von der Stasi im Westen verhaftet zu werden, waren damals unvorstellbar hoch. Sie plagten diese Angstträume, was sie fast psychisch erkranken ließ. Die Zeit nach der Flucht, brachte zwar große Erleichterung und Freude, auf der anderen Seite, auch Schwierigkeiten. Sie war lange Zeit von ihren Eltern getrennt und konnte ihren Vater nur selten sehen, der zum Glück durch seine international-agierende Rolle beim Roten Kreuz, im Gegensatz zu ihrer Mutter, ab und zu beruflich ins westliche Ausland reisen konnte.

„Keine schlechte Idee, wäre prima“ war die Reaktion von Harald auf die vorerst auf die „leichte Schulter“ genommen Fluchtidee. Es zeigt vor allem, dass die Flucht damals eigentlich kein ernstzunehmender Gedanke mehr war. Beim Bruder war die Flucht mit gefälschten Pässen zunächst schiefgelaufen. Mit Verhaftungen, hohen Strafen bis hin zu enormer psychischer Folter bei Gefängnisaufenthalten war zu rechnen. Die DDR hatte z. B. mehrfach versucht, den Chef der Fluchthilfeorganisatin sogar im Westen zu ermorden. Der ganze Besitz musste in der Heimat gelassen werden und auch der Kontakt zu der Familie wurde erheblich beeinträchtigt. Eine Flucht war somit definitiv kein Kinderspiel!

Heute leben die beiden in Kleve und können noch immer, auch auf eine lustige Art und Weise, von ihrer Geschichte erzählen. Um wohl jedes Detail ihrer ergreifenden Lebensgeschichte erzählen zu können, reicht so ein Artikel leider nicht. Auch wenn eine solche Flucht, auf den ersten Blick gar nicht so schwer erscheint, war das Risiko zur damaligen Zeit extrem hoch und Karin hatte großes Glück unbestraft über die Grenzen zu kommen. Nur durch die Hilfe Haralds können sie diese Geschichte heute überhaupt erzählen, da Harald mit Klaus Dieter die Flucht geplant hatte.

Wir als Kurs sind sehr froh, eine noch detaillierte Erzählung dieser Geschichte erlebt haben zu dürfen und bedanken uns hiermit herzlich bei den Eheleuten Karin und Harald Korth für den Besuch!

[1] Dieser Fluchtweg war durch das Verkehrsabkommen ermöglicht, das Willy Brand 1972 mit der DDR abgeschlossen hatte. Es verbot den DDR-Grenzern das Auto am Grenzübergang zu kontrollieren (außer bei dringendem Tatverdacht) – Passkontrolle ok. So blieb bei Karin der Kofferraum ungeöffnet. Das Verkehrsabkommen endete 1973 – wenige Tage nach Karins geglückter Flucht.