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Beiträge des Literaturkurses der Q1 zur Gedenkveranstaltung am 09. November am Synagogenplatz

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Anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung der Stadt Kleve haben die SchülerInnen und Schüler des Literaturkurses Schreibwerkstatt Texte verfasst, die die Bücherverbrennung auf dem Schulhof unseres heutigen Gymnasiums am 19. Mai 1933 thematisieren. Die Montagen verschiedener Perspektiven aus der heutigen und früheren Zeit beinhalten jeweils verschiedene Schwerpunkte. Die Ergebnisse sind kontrastreich, vielfältig und spannend, aber lesen Sie selbst.

Von Camilla Müller und Denise Park:

 Heute werden jüdische Bücher verbrannt. Dafür fällt der Unterricht für unsere Schüler aus.

 Ich verlasse den Teil des Schulhofes, der nah an der Straße liegt und betrete den kleinen Hof der geschützt durch die hohen Steinbauten ein Gefühl von Ruhe vermittelt.

 Wir alle versammeln uns dort und die Jungen stehen alle in ordentlichen Reihen hinter- und nebeneinander. Sie wissen noch nicht, was gleich passieren wird, betrachtet aber schon neugierig oder argwöhnisch den Holzhaufen, der mitten auf dem Schulhof aufgetürmt ist.

 Es ist schon komisch: Ist man in der Klasse, ist man auf ein Thema und einen Raum fixiert, dass man alles andere für einen Moment vergisst. Kommt man dann nach draußen und hört Stadtgeräusche, Vögel und den Wind, wird einem wieder bewusst, dass die Schule zwar ein sehr einnehmender Ort ist, jedoch nur ein Teil von etwas Großen, und dass es auch noch ein Leben außerhalb dieses Platzes gibt.

 Ich und auch alle anderen Lehrer stehen ein wenig ratlos vor den Jungen, um zu verhindern, dass die Schüler zu dem Holzhaufen rennen. Wir zögern und wissen nicht, was wir tun sollen, brüllen deshalb nur die Jungen an, die beginnen zu tuscheln: Sie sollen leise sein und sich anständig benehmen. Der Schulleiter tritt in Stille auf den Hof. Die Schülermenge teilt sich wie ein Meer, nur wir Lehrer schauen ihm bewegungslos hinterher. Ob der Schulleiter Hitlers Meinung teilt?

 Irgendjemand betätigt irgendwo weit hinter mir die Hupe seines Autos, doch das klingt so gedämpft, als hätte ich Watte in den Ohren.

Der Schulleiter erklärt die Situation, und hinter mir werden Jubel oder Rufe laut, von denen wir Lehrer nicht wissen, ob wir ihnen freien Lauf lassen oder sie unterbinden sollen. Ist es richtig Lehrbücher zu verbrennen, die für die Schüler gut verständlich sind und Wissen vermitteln, bloß weil sie nicht in das verschrobene Weltbild Hitlers passen?

Ich atme tief ein, weil die Luft so schön kühl ist und habe das Gefühl, meinen Kopf so von der warmen, stickigen Luft aus dem Klassenzimmer zu befreien

 Diese Fragen verdrängen die Ansprache des Rektors und so wache ich erst wieder aus meinem Dämmerzustand auf, als ich das Reißen eines Streichholzes höre, das der Schulleiter auch gleich auf den Holzhaufen wirft. Sofort lodern die Flammen und der Rektor fordert uns Lehrer auf, die Bücher ins Feuer zu werfen. Eigentlich mag ich den Geruch von Feuer, doch jetzt brennt er mir in der Lunge wie Gift.

 Ich höre nur sehr leise die aufgeregten Stimmen der Fünftklässler, das Rascheln von getrocknetem Laub im Wind und das fröhliche Gezwitscher von ein paar Singvögeln.

Soll ich es tun? Soll ich wirklich mutwillig Wissen zerstören? Doch Hitler widersetzt man sich nicht, denn wer nicht zuschlägt, wird geschlagen. So ist das heutzutage unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Also trete ich zusammen mit den anderen Lehrern an das Feuer heran und stoße die Bücher in die züngelnden Flammen, bevor ich mich schnell wieder abwende und die Schüler anschnauze, sie sollen still stehen. Der letzte Schrei der sterbenden Geschichten dröhnt in meinen Ohren und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich ihre Werke, ihre Leben und ihre Existenzen gerade eben mit nur einer Handbewegung zerstört habe.

 Später drücke ich die kalte Türklinke herunter, stoße die Türe mit meinem Knie auf und schlüpfe schnell durch den Spalt. Aus dem Musikraum klingt ein Stück, irgendein schnelles und fröhliches Lied.

Als wäre nie etwas geschehen.

Wir alle wissen, dass sie meisten in diesem Moment mit ihren Gedanken irgendwo anders sind – bei den neuen Klamotten, dem Handy, das gerade eben in der Hosentasche vibriert hat, oder einfach bei dem Mittagessen.

Mein Blick fällt dabei auf die Gedenktafel mit dem Davidstern. Seid ehrlich zu euch selbst – Hättet  etwas getan, probiert es zu verhindern? Oder hättet auch ihr zugesehen und wärt mit den Gedanken woanders gewesen? Wärt ihr damals einer von den Helden gewesen, die wir heute so bewundern? Vermutlich halten wir uns alle für solche Helden – WIR hätten ganz bestimmt etwas dagegen getan, denken wir.

 Wärst du ein Held geworden?

 Eine Pause wie jede andere von Edda van Meurs und Alexander van der Staay:

Es war eine Pause wie jede andere. Sobald man als Oberstufenschüler aus dem kühlen Altbau in das verschwitzte Forum kam, wurde man von einer Wolke aus verkohlten Pizzabrötchen, billigem Parfum und Schweiß umschwärmt.

Jetzt stehen wir hier. Wir lassen uns unsere Angst nicht anmerken und helfen mit, die Bücher ins Feuer zu werfen. Diese brennen riesig und lodernd in der Mitte des Schulhofes. Verband man bis jetzt mit diesem Geruch kalte Wintertage vor dem Kamin, wird sich jeder der anwesenden Schüler von nun an nur noch an diesen Tag erinnern. Selbst am Eingang zum Hauptgebäude kann man die Wärme spüren. Steht man nur zehn Schritte vom Feuer entfernt, wird die Hitze unerträglich. Die Flammen fauchen vor uns auf, als ihnen wieder eines der Bücher vorgeworfen wird. Die staubtrockenen Seiten fangen sofort Feuer und verbrennen die Luft. Überall ist dieses Zischen zu hören, der letzte Schrei der sterbenden Geschichten.

Das anhaltend laute Brummen der Schülerstimmen verdichtete sich mit jeder Minute, die die Pause länger dauerte. Einzelne schrille Stimmen durchbrachen den monotonen Singsang und verstummten. Hitzige Diskussionen, leises Weinen aus der Ecke und eine bejubelte Prügelei machten das Schulgeschehen aus.

Bedrücktes Murmeln dominiert den Schulhof, keiner weiß so richtig, was hier vor sich geht, keiner jedoch zweifelt es an. Alle reichen brav die Bücher weiter, die Älteren dürfen sie ins Feuer werfen.

Im Vorbeigehen streifte ich einige Gespräche, hörte nie genug, um mir eine Meinung zu bilden. Die Unterhaltungen glitten in weite Ferne, unverstanden weil unverständlich. Bis eine kleine Fünftklässlerin aus meiner Patenklasse angestürmt kam und mich umarmte.

Für uns besteht alles nur noch aus tiefen Tönen, blendenden und düsteren Farben und dem beißenden Geruch des Feuers. Verschwommen kann man hören, wie jemand den Namen eines Autors flüstert:  Kästner.

Sie fing an zu erzählen, wie ihr Schultag bis jetzt war, was sie gegessen hatte, dass sie gleich eine Arbeit zurückbekäme.

Soll man fliehen?

Es klingelte wieder und während der 2 Sekunden des Gongs war alles still.

Soll man genau jetzt vom Schulhof rennen und dabei alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Ich hörte zu, lächelte, lachte oder nickte, je nachdem was angebracht war, bis sie von dem Jungen erzählte, der sie wieder geärgert hatte. Seine Beleidigungen wurden immer derber, mein Mitleid und meine Wut wuchsen mit jedem Detail, das sie mit gesenktem Kopf gestand.

Sind alle so geblendet und glauben ernsthaft, dass mit den Büchern auch die Geschichten und das Wissen vernichtet werden? Dass die Gedanken der Autoren, jüdischer und geächteter, verloren gehen werden?

Kaum vorzustellen, dass vor 80 Jahren noch ganz andere Gedanken im Vordergrund standen. Eine Pause wie jede andere.

 

Von Lara Robins und Hanna Stijnen:

 Es ist ein warmer Herbsttag, die Vögel zwitschern ihr fröhliches Lied. Ich sitze im Biologieraum und blicke aus dem Fenster. Mein Blich schweift über den Schulhof und bleibt an der Gedenktafel hängen.

 Buch um Buch soll ich in das Feuer werfen. Dieser riesige Haufen von Büchern, die noch vollkommen intakt sind. Alle soll ich in die Flammen des brennenden Scheiterhaufens werfen. Das Werk, das ich in diesem Moment in der Hand halte, wird das nächste sein, das gefressen wird.

Alle starren mich an. Mein Lehrer muss bemerkt haben, dass ich mit meinen Gedanken in einer anderen Welt war.

 Bei jedem Buch lese ich als erstes den Namen des Autors und entschuldige mich innerlich bei ihm.

Ich höre, wie der Wind durch die Baumkronen weht und die Blätter auf dem Boden tanzen lässt. Ob sie wohl gefragt wurden, ob sie bei dieser scheußlichen Sache helfen wollten? Ob sie persönlich etwas gegen diese Menschen hatten?
Wenn ich dort zwischen stehen würde…

Ich bin ein Schüler an dieser Schule. Meine Klasse hat mir eigentlich immer sehr gut gefallen. Wir haben uns alle verstanden und ich habe nie jemanden wegen seines Glaubens oder anderen Dingen anders behandelt.

 Sie bringen mich dazu, darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn ich auch dort sein könnte.

Und jetzt, jetzt stehe ich hier und verbrenne all diese Bücher, doch es sind nicht nur die Bücher, die hier zerstört werden, es sind auch Existenzen. All die Menschen, ob ich sie nun kannte oder nicht, ich zerstöre ihre Werke, ihre Existenzen und auch ihr Leben. Doch wer nicht zuschlägt, der wird geschlagen. So kann man es sagen.

Das fröhliche Lachen des Lehrers, es hört nicht auf.

Doch was wird man später über uns sagen?

 Plötzlich höre ich meinen Namen, dann eine Frage. Was hatte der Lehrer mich gefragt?

Das klacken der metallenen Schultaschenverschlüsse hämmert in meinem Kopf, die Schritte werden immer lauter.

Wird man denken, dass wir alle so etwas wollten? Wird man uns für Monster oder Helden halten?

 

Von Manuela Bergau und Henning Manske:

 In der Pause konnte ich vor Aufregung nichts mehr essen. Alles war laut, nirgendwo hatte ich Ruhe. Ein lautes Auflachen zu meiner Rechten ließ mich zusammenzucken. Und dann noch das Klappern eines Mülleimerdeckels.

Doch jetzt ist es fast wie ein Fest. Ein Lagerfeuer. Alle lachen und sind fröhlich, ausgelassen, rufen Parolen, wenn ein Buch den hellen Flammen übergeben wird. Mit Sprüchen wie „Ich übergebe den Flammen dieses und jenes Buch vom Vaterlandsverräter sowieso!“ oder „Es nähre das Feuer der entarteten Bücher auf ewig die Seele der Deutschen!“ werfen sie sie in das Feuer. In einem aufgeschlagenen Buch lese ich: „Also nimmt das Mädchen ihn in die Hand, faltet ihn in der Mitte und steckt ihn in den Gully. „Danke!“, spricht das Tier, das sich im blauen Wasser sofort wohler fühlt. „Zum Dank hast du einen Wunsch frei!“. Bücher wie dieses, in denen ich teilweise noch gelesen hab! Beißender Rauch schlägt mir ins Gesicht. Alles kommt mir so unwirklich vor – Wie kann ein Gedicht, eine Geschichte böse sein? Zu meiner eigenen Verwunderung finde ich mich neben einer Kiste mit Büchern wieder, unter tosenden Anfeuerungsrufen werfe auch ich eines ins Feuer. Ich zerstöre das Werk, ganze Existenzen, jedwedes Leben der Figuren – niemand wird sich jemals wieder ihrer erinnern. Das Holz knackt, es sprühen Funken. Man hört den lautlosen Schrei der sterbenden Bücher. Eigentlich mag ich den Geruch von Feuer, aber warum muss das hier ein Feuer der Seelen sein, aus Seelen der Figuren, die Geschichten lebendig machen? Und doch, das wärmende Feuer, all die fröhlichen Leute, Schüler wie Lehrer – das ist schon irgendwie ansteckend. Die restlichen Werke übernehmen zwei junge Männer mit Seitenscheitel, Uniform und lauter Stimme. Beide stimmen erst die Nationalhymne an.

Etwas desorientiert wache ich auf… Langsam mache ich mich auf den Weg zum Klassenraum, auf der Treppe kommen mir alle noch viel lauter vor als auf dem Schulhof, das wilde Gerenne der Kleinen macht mich ganz wuschig im Kopf. Es ist echt unerträglich. War das Leben eigentlich schon immer die Hölle? Mein Blick fällt auf die Gedenktafel und ich frage mich: Ist es jetzt besser?

Von Larissa Rostam-Khani, Leandra Schickentanz:

Ein lautes Klingeln reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich schrecke auf, sehe mich um und bemerke, dass schon alle ihre Sachen zusammenpacken. Schnell werfe ich meinen Block und das Mäppchen in meine Tasche und stehe auf. Langsam folge ich den anderen auf den Flur und schließe mich dem Strom der Schüler an, die nach draußen auf den Schulhof gehen.

Als ich aus dem alten Schulgebäude auf den steinernen Hof trete, bietet sich mir ein ungewöhnlicher Anblick. Fast alle Schüler und Lehrer stehen um einen riesigen Berg aus Büchern herum und starren starr und ausdruckslos in die Luft. Selbst die Jungen, die normalerweise keine zwei Minuten den Mund halten können, stehen stocksteif und stumm da.

Ein buntes Treiben erwartet mich. Mädchen, die in kleinen Gruppen verteilt herumstehen und sich über die neueste Mode oder sonst was unterhalten. Ein paar Jungs aus den unteren Klassen, die ausgelassen Fußball spielen und sich dabei nicht von dem Lehrer, der gerade die Aufsicht hat, stören lassen.

Auf einmal hallt das Echo schneller Schritte von den Mauern wieder und unser Direktor erscheint und bahnt sich einen Weg durch die Schülermassen. Als er vor dem großen Haufen aus Büchern zum Stehen kommt, gibt er den Lehrern mit der Hand ein Zeichen und einige fangen an sich zu regen.

Er gestikuliert wild, und versucht den abgewetzten Ball an sich zu bringen. Nach ein paar erfolglosen Versuchen bekommt er ihn endlich zu fassen. Ein paar der Jungs wollen ihn zurückhaben und reden bittend auf ihn ein. Langsam lasse ich meinen Blick schweifen. Er fällt auf die große Plakette an der Steinmauer mir gegenüber, die an die Bücherverbrennung auf unserem Schulhof in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern soll.

Jetzt erst erkenne ich die Fackeln, die vor ihnen auf dem Boden liegen und die sie nun aufheben und anzünden. Noch bevor ich realisieren kann, was dort vorne geschieht, halten sie die Flammen schon an die Bücher. Sofort fangen sie Feuer und schon bald brennt der ganze Berg lichterloh, sodass man sogar bis in die letzte Reihe, dort wo ich stehe, die Hitze spüren und den beißenden Rauch riechen kann.

Vor ein paar Wochen wurde sie während einer Gedenkfeier, an der die ganze Schule teilnahm, enthüllt. Mehrere Klassen hatten zu diesem Thema etwas vorbereitet und dies dann vorgetragen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie es wäre in dieser Zeit zu leben. An dem Tag der Bücherverbrennung hier gewesen zu sein. Ich stelle mir einen großen Berg Bücher in der Mitte des Hofes vor, und viele Leute, die darum herum stehen und immer weiter alte, aber auch druckfrische Bücher ins Feuer werfen. Die Stichflammen würden fast bis zum Dach reichen und der Rauch würde den Himmel verdunkeln, sodass das Licht ganz schummerig erscheint.

Langsam dämmert es mir, was hier vor sich geht. Diese Bücher dort vorne, scheinen alle von jüdischen Autoren zu sein und nun unter irgendeinem Vorwand von den Nationalsozialisten zerstört zu werden. Ich schnappe nach Luft, atme dabei eine ganze Menge Rauch ein und beginne zu husten. Einige Schüler drehen sich zu mir um und schauen mich vorwurfsvoll an, als würde ich sie bei einem heiligen Ritual stören. Dabei würde ich nichts lieber tun, als nach vorne zu rennen, um ein paar dieser Bücher zu retten. Doch ich weiß, dass mir das nur großen Ärger einhandeln würde.

Ich rieche schon fast die verkohlten Seiten und höre das Knacken des Feuers, so real erscheint mir diese Situation auf einmal. Ich meine die Stimmen der Männer zu hören, die das ganze überwachen, wie sie sich irgendetwas zurufen und immer neue Kisten mit Büchern anschleppen. Auf einmal ertönt die Schulklingel und ich reiße die Augen auf.

Ein lautes Zischen und Knacken ertönt, als der Bücherberg in sich zusammenfällt und dort auf einmal nur noch ein großer Haufen Asche auf dem Boden liegt. Es klingt wie der letzte Aufschrei einer sterbenden Geschichte und ich zucke unwillkürlich zusammen, was mir wieder ein paar misstrauische Blicke einbringt. Ich will dieses Schauspiel nicht länger mitansehen. Schritt für Schritt – um nicht noch mehr aufzufallen – verlasse ich rückwärts den Hof. Als ich außer Sichtweite bin, drehe ich mich augenblicklich um und gehe, gerade so schnell, dass es nicht auffällt, davon.

Ich habe mich schon wieder in einem Tagtraum verloren. Aber das war wohl eher ein Alptraum. Während ich langsam in das Gebäude zurückkehre, überlege ich wie der Anblick der brennenden Bücher wohl auf jüdische Schüler gewirkt haben muss. Es war sicherlich schrecklich mitanzusehen, wie die Werke ihrer Leute vernichtet werden.                     

Ich habe immer noch diesen Geruch in der Nase. Früher mochte ich den Geruch von Feuer und verbranntem Papier. Dann musste ich immer an Weihnachten denken und wie die ganze Familie abends vor dem Kamin beisammensitzt. Doch jetzt kann ich an nichts anderes denken als an den Bücherberg, wie er in sich zusammenstürzt.

Auf einmal bin ich wirklich froh, dass ich in dieser Zeit und nicht damals lebe. Dass ich nicht Angst haben muss ausgegrenzt und verfolgt zu werden, denn wenn ich das damals erlebt hätte – und da bin ich mir sicher – hätte ich wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben in die Nähe eines Feuers oder gar des Geruchs gewollt.  

 

Von Marie-Sophie Vervoorts und Robinne Linnemann:

 Unser Lehrer befiehlt uns mit einem strengen Unterton auf den Schulhof zu gehen.
Einer Widersetzung droht er mit harter Strafe. Von dem Schulhof hört man bereits Geschrei, Gelächter und lautes Knallen.

Auf dem Schulhof scheint das reine Chaos zu herrschen.

Alle Schüler stehen in einem Kreis um einen riesigen Haufen von Papier, was ich aber nicht genau erkennen kann.

 Alle Schüler sind laut.

Mich überkommt ein ungutes Gefühl, mit dem ich nichts anzufangen weiß.
Ich sehe, wie ein Junge sich mit drei Büchern davon schleicht.
Es scheint ihn tatsächlich keiner zu sehen, es ist wie ein Wunder, dass er einfach so davonkommt.

Man sollte meinen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Die Schule ist eine riesige Geräuschkulisse, ein beständiges Geräusch.

Der Direktor stellt sich auf ein Podest und beginnt eine kurze Rede zu halten.
Mit dem Beginn der Rede kommt der Junge wieder dazu, ohne Bücher.
Ich erkenne ihn, er ist in meiner Parallelklasse. Er ist ein sehr gläubiger Jude, wie sein Vater, der gut mit meinem befreundet ist. Ich drängle mich zu ihm durch, denn er steht nicht weit von mir entfernt. Als ich ihn anspreche, zuckt er erst zusammen, dann erkennt er mich und schaut mir mit einem eher gequälten Lächeln entgegen. Der Direktor ist noch nicht fertig mit seiner Rede; hätte ich zugehört, wüsste ich wahrscheinlich längst, wieso ich überhaupt hier bin.  Ich frage Andreas, er guckt mich entsetzt an. Er erklärt mir, was hier los ist. Ich höre zu, lächle oder nicke, je nachdem was angebracht ist. Die Lehrer ermahnen uns heftig, bevor wir weiterreden können. Drei Männer zünden die Bücher an. Es zischt laut, wie der letzte Schrei sterbender Geschichte. Die Flammen entfachen. Eigentlich mag ich den Geruch von Feuer. Mir ist heiß und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich stehe regungslos da. Ich blende alles aus. Ich lasse meinen Blick schweifen, es gibt Juden, die Bücher retten wollen und schreien. Die meisten meiner Freunde stehen, so wie ich, einfach nur da und wissen nicht, wie es jetzt weitergeht. kann man ein solches Geschehen noch übertreffen?

Das Klingeln zum Unterricht gleicht einem Segen. Nach einigen Minuten ist der Schulhof fast leer.

 

Von Selina Koenen und Gerrit Watermann:

 Es ist Oktober. Mein Lieblingsmonat. Die Vögel zwitschern ihre letzten Lieder bevor sie sich auf den Weg in den Süden machen und die Bäume verfärben sich zu einem einzigartigen rot Ton, bevor sie ihr Laub verlieren. Die Tage sind sonnig und kalt und am Abend kann man schon früh die Wintersonne untergehen sehen.

Das Feuer brennt schon eine Weile und der Wind wirbelt Aschebrösel durch die Luft. Eigentlich mag ich den Geruch von Feuer. Er erinnert mich an kalte Winterabede und eine Tasse Kakao vor dem Kamin. Doch diesmal vermittelt das Feuer kein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Es ist kalt und herzlos, geboren aus reinem Wahnsinn.

Es ist leer geworden und der Pausengong übertönt die einsame Stille. Ich beobachte die letzten Schüler und Lehrer, die sich nach einem anstrengenden Tag auf den Weg nach Hause machen. Ich kann ihnen förmlich ihre Erschöpfung an den Augen ansehen. Erschöpft von der Schule, vom Alltag, vom Dasein, vom Leben.

 Seit wann leben wir nach der Frage: „Wer nicht zuschlägt, wird geschlagen“? Aber auch ich stehe einerseits ehrfürchtig, andererseits zweifelnd vor dem gewaltigen Flammenberg inmitten des Schulhofes.

Eine ganz alltägliche Situation, fährt es mir in den Sinn. Gefrustete Menschen, die ihren Frust an anderen Menschen auslassen, die wiederum ihren Frust an anderen auslassen. Ein ewiger Kreislauf.

 Mittlerweile steigt mir der Geruch beißend in die Nase und betört mich, so dass ich nicht mehr klar denken kann. An vielen Stellen klatschen Schüler und Lehrer oder stampfen auf den Boden um zu zeigen, wie sehr sie dem ganzen Geschehen zustimmen. Das Feuer lodert in seinem ganzen Erscheinungsbild herrscherisch auf und die zischenden Flammen unterdrücken die letzten Schreie der sterbenden Geschichten. Ich gehe einen Schritt zurück und atme tief ein. Ich nehme meine Tasche mitsamt ihres Inhaltes und werfe sie in die alles verschlingenden Flammen.

Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Ich weiß, dass das, was ich jetzt tue, mein bislang friedsames Leben grundlegend verändern wird. Doch ich bin mir dessen bewusst. Ich stelle mich auf das naheliegende Podest und beginne zu reden…

„War das Schülerdasein an dieser Schule schon immer die Hölle?“, frage ich mich und mein Blick fällt auf die Gedenktafel…

 

Ein Ort voller Geschichten von Sophie Vollrath und Wladimir Nikulin:

„Echt? Oh, voll süß!“ Manchmal beneide ich Lena, meine beste Freundin, wirklich um ihr Liebesleben. Sie ist jetzt schon ein Jahr mit Jan zusammen und sie haben sich noch nie wirklich gestritten. Zu ihrem ersten Jahrestag heute hat er ihr einen Strauß roter Rosen geschenkt und sie abends zum Essen eingeladen. Ich werde mir wahrscheinlich wieder einen schönen DVD-Abend mit traurigen Liebesfilmen und zu viel Schokolade allein zu Hause machen. „Ja er ist wirklich perfekt“, schwärmt Lena. „Aber wie läuft’s eigentlich mit dir und Felix?“ Ja – wie läuft’s eigentlich mit mir und Felix? Ich habe keine Ahnung. Vor ein paar Wochen hat Lena ihn mir auf einer Party vorgestellt. Er sieht einfach atemberaubend aus, und das empfinde wohl nicht nur ich so, sondern beinahe alle Mädchen, die ihn kennen. Sogar Lena, auch wenn sie es natürlich nie zugeben würde. Felix ist schon seit Ewigkeiten in meiner Parallelklasse, doch für mich immer unerreichbar gewesen- bis zu diesem Tag. Lena hat natürlich sofort ihren Kuppelfähigkeiten spielen lassen und vor ihm in höchsten Tönen geschwärmt, was für eine tolle Freundin ich doch sei. Aber es hat gewirkt. Bereits am nächsten Morgen bekam ich eine Nachricht von ihm, ob wir uns nicht mal treffen wollten.
Seitdem sind wir auch schon fünfmal gemeinsam weggewesen – allerdings hat er immer irgendeinen von seinen „supercoolen“ Kumpels mitgeschleppt. „Ähm…“, bevor ich Lena antworten kann, steht Felix plötzlich vor uns. „Hi!“, begrüßt er uns und gibt uns beiden ein Küsschen auf die Wange. „Na Felix! Ich hab gehört du warst gestern schon wieder mit Nelly weg…“, sagt Lena und zwinkert mir dabei zu. So sehr es mich auch freut, dass sie mir die Möglichkeit verschafft hatte Felix näher kennen zu lernen, so ärgern mich doch manchmal ihre allzu offensichtlichen Versuche ihn und mich zu verkuppeln. „Hat Spaß gemacht“, antwortet er kurz. „Kommst du mal eben mit Nelly?“, richtet er sich dann an mich. „Ja, sicher.“ Was ist denn das jetzt? Als ich mich nochmal umdrehe, während ich ihm hinterherlaufe, zeigt mir Lena beide Daumen. Ich folge Felix zu einer etwas abgelegenen Ecke des Schulhofs. „Ich möchte ein bisschen Zeit ganz allein und ungestört mit dir verbringen“, sagt er und schaut mir dabei tief in die Augen. Wie auf Kommando stört uns ein lautes Dröhnen.

„Jetzt brennen die Bücher und schon bald die ganze Welt und der Deutsche wird stolzen Hauptes das Zepter halten und über die Untermenschen herrschen! Aus diesem Grund haben wir uns heute hier zusammengefunden“, schallt es aus dem Mikrophon des NS-Kommandanten. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Sie wollen Bücher verbrennen, viele Bücher, doch eins haben sie alle gemeinsam, sie sind angeblich regimekritisch. Die meisten sind von Juden geschrieben, Juden so mir und meiner Familie. Ich schaue rüber zu meinem kleinen Bruder, der dort bei seinen Freunden steht. Er hört zu, lächelt oder nicht, je nach dem was angebracht ist. Es mag den Anschein haben, dass er sich nicht bewusst ist wie ernst der heutige Tag für uns ist, doch ich weiß das er hinter der Fassade des naiven, kleinen Jungen genau weiß, was grade vorgeht. Er weiß, dass er eigentlich nicht so dort bei seinen Freunden stehen dürfte, weil einige Eltern ihnen verboten haben mit Juden befreundet zu sein. Auch ich habe schon Freunde auf diese Weise verloren. Mein Blick schweift herüber zu Karl. Er steht dort, versonnen und nachdenklich in Flammen schauend. Vor ein paar Monaten noch hatten wir uns beinahe jeden Tag gesehen. Erst hatte er mich nur gefragt ob ich ihm Mathe erklären könnte, dann lud er mich zum Essen ein. Ich glaube er hatte mich wirklich gern- und ich ihn auch. Eines Tages kam er nicht zu unserer Verabredung. Er erklärte mir am nächsten Tag er wolle nichts mehr mit mir zu tun haben. Sein Vater sei NS-Offizier und habe ihm alles über uns Juden erzählt. Ich war so wütend und traurig, doch ich als ich hoch blickte in seine Augen, sah ich, dass er nicht glaubte was er sagte. Ich sah, dass er nicht denken wollte, was alle anderen dachten, dass er es besser wusste. Und doch hatte er sich gefügt.

Die Klingel hat tausende Kinder in Sekunden aus ihr Klasse auf den Hof geholt. Manche leise ins Gespräch vertieft, manche laut schreiend und rennend. „Tja, das hat sich denn wohl erledigt mit dem ruhig und ungestört. Aber versuch es einfach auszublenden“, lächelt Felix. Und ich versuche den ganzen Lärm, das Getrampel der vielen Paar Schuhe und das Gegröle und Lachen hunderter Münder „einfach auszublenden“. Ich bin so konzentriert, dass ich gar nicht merke, wie er mit seinen Händen meine Hüfte umfasst und einen Schritt auf mich zu macht.

Ich trete einen Schritt zurück. Die wallende Hitze des Feuers und der beißende Rauch sind unerträglich. Eigentlich mag ich Feuer, doch in diesem Moment gibt es nichts Schlimmeres für mich. Wenn ich mich jetzt umhöre, höre ich nicht ich nicht das ruhige Knistern des Feuers, sondern die klagenden Schreie unzähliger sterbender Geschichten. Doch es sind nicht nur Werke, es sind ganze Leben und Existenzen, die hier brennen. Ich fühle mich so hilflos. Die Verzweiflung übermannt mich.

‚Oh mein Gott, jetzt will er mich bestimmt küssen‘, denke ich. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich darauf was gleich passieren würde, doch alles was ich höre ist das Schimpfen irgendeines Lehrers und ein Gespräch zweier Schüler über die letzte Matheklausur. Ein kalter Windstoß bläst das bereits welke Laub von den Bäumen. Da knallt plötzlich ein Ball direkt neben mir gegen die Wand. Wir schrecken beide zusammen. Als ich meine Augen öffne sehe ich wie ein kleiner Fünftklässler auf uns zukommt. „Sorry“, er nimmt den Ball und rennt zurück zu seinen Freunden. „Naja“, Felix packt mich erneut an der Hüfte, diesmal zieht er mich fordernder zu sich hin. „Nein!“  ‚Was bildet er sich überhaupt ein? ‘

Wer ist dieser Hitler, dieser Mann, der sich herausnimmt so viele Leben zu zerstören? So viele Kindheiten? Sei es die meines Bruders oder meine eigene. Manchmal wünsche ich mir, wir wären in einer anderen Zeit geboren-vor dem ganzen. Ich wünschte wir hätten ‚normale‘ Probleme. Ich würde Liebeskummer haben, weil Karl eine Andere mehr mögen würde als mich und mein kleiner Bruder würde abends zu lange auf dem Fußballplatz sein. Warum dürfen wir nicht solche Probleme haben, sondern müssen ständig daran erinnert werden, dass wir Juden sind? Warum müssen wir darum bangen, dass uns und unserer Familie etwas passiert? Vor ein paar Tagen haben sie das Geschäft  von meinem Onkel und meiner Tante, die in einer größeren Stadt leben, mit schweren Steinen beworfen. Und irgendwie spüre ich jetzt, dass es nicht dabei bleibt. Sie werden uns auch noch holen und wir werden brennen wie die Bücher.

„Es tut mir leid, aber so hab ich das nun wirklich nicht vorgestellt“, erkläre ich dem verdutzten Felix. „Nicht so und vor allem nicht hier“, stelle ich klar. Als ich mich umdrehe und den Gang zur nächsten Unterrichtsstunde antrete fühle ich mich besser. So sehr ich mir auch wünsche so glücklich wie Lena zu sein- meinen ersten Kuss wollte ich nun wirklich nicht unter diesen Umständen bekommen. Und es gibt ja wohl wirklich schlimmeres. Mein Blick fällt auf die Gedenktafel.