„Um Euch daran zu erinnern, bin ich da. Gegen das Vergessen. Gegen Auschwitz.“ (Eva Weyl)

von Monique Mattigat.

„Um Euch daran zu erinnern, bin ich da. Gegen das Vergessen. Gegen Auschwitz.“

Mit diesen Worten eröffnete Eva Weyl, Überlebende des Holocaust, am Dienstag, den 27.05.2014 ihren Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 in der Aula des Freiherr-vom-Stein Gymnasiums. Bereits zum dritten Mal besuchte uns auch in diesem Jahr Frau Weyl, um den Schülern unserer Schule einen Einblick in das Leben eines Kindes zur Zeit des Nationalsozialismus zu gewähren. Dabei war es auch für Frau Weyl eine besondere Situation, da ihre Familie ursprünglich in Kleve lebte und ihr Vater als junger Mann selbst Schüler unserer Schule gewesen ist.

Frau Weil brachte viele Fotos mit, um ihren Vortrag anschaulich zu gestalten.In einem bewegenden Vortrag schilderte sie die Geschichte ihrer Familie, die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten in Deutschland sowie die daran anschließende Flucht ihrer Eltern in die benachbarten Niederlande. Bevor ihre Familie sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zur Flucht nach Arnhem gezwungen sah, gehört der Familie das damalige Kaufhaus Weyl, an deren Stelle sich heute die Galeria Kaufhof in Kleve befindet. In den Niederlanden angekommen, dauerte es nicht lange bis Eva Weyl in Arnhem das Licht der Welt erblickte. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande wurde alsbald auch die Familie Weyl aufgefordert, sich in das so genannte „Durchgangslager Westerbork (JDL)“ zu begeben. In diesem Lager, von dem aus wöchentlich die Züge in die zahlreichen Arbeits- und Vernichtungslager rollten, verbrachte Eva Weyl, damals 6 Jahre alt, einen Großteil ihrer Kindheit. Den Tag ihrer Ankunft schilderte Frau Weyl als eines ihrer schlimmsten Erlebnisse. Bitterlich kalt und nass sei es an diesem Morgen gewesen als sie gemeinsam mit ihren Eltern und einigen wenigen Habseligkeiten in Westerbork ankam. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Familie getrennt und in eine der zahlreichen Baracken verwiesen, wo sie die ersten Wochen im Lager verbrachte.

Anders als in den meisten Konzentrationslagern jener Zeit praktizierten die deutschen Besatzer in Westerbork eine besonders perfide Täuschung der Lagerinsassen. Mit Hilfe von Einrichtungen wie einem Krankenhaus, einem Kranken- und Waisenhaus sowie diversen kulturellen und sportlichen Veranstaltungen wurde den Menschen dort ein Leben ohne Gewalt und Terror vorgemacht. Die so genährte trügerische Hoffnung auf ein Leben in der Zukunft konnte jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass wöchentlich etwa tausend Menschen von Westerbork aus in die zahlreichen Konzentrationslager wie Auschwitz, Sobibor, Bergen-Belsen oder Theresienstadt verschleppt wurden. Wie perfide diese Situation tatsächlich gewesen war, schilderte Frau Weyl, indem sie zum Beispiel davon berichtete, wie ein jüdisches erkranktes Baby zunächst von den Deportationen verschont wurde, um in dem ansässigen Lagerkrankenhaus behandelt zu werden. Kaum genesen, wurde das Baby gemeinsam mit seiner Mutter in den Osten deportiert, von wo aus es vermutlich niemals zurückgekehrt ist.

Auch die kleine Eva ging während ihrer Zeit im Lager ganz „normal“ zur Schule. Lediglich dank der Anstellung ihres Vaters in der Administration des Lagers überlebte die Familie Weyl mit viel Glück diese Zeit im Lager Westerbork, das bis heute als Symbol für die Deportation der niederländischen Juden gilt.

IMG_1269Die Schülerinnen und Schüler, die gebannt den Worten von Frau Weyl lauschten, hatten im Anschluss an den Vortrag die Gelegenheit, Fragen an die Zeitzeugin zu stellen. Dabei wollten sie beispielsweise wissen, wie das Verhältnis Eva Weyls nach dem Krieg zu den Deutschen gewesen sei oder auch wie das Verhältnis der Lagerinsassen während der Inhaftierung zu den Wachmannschaften im Lager war. Weiterhin wollten die Schüler wissen, ob Frau Weyl es angesichts gegenwärtiger rechtsradikaler Tendenzen noch für möglich hielte, dass sich so etwas wie Auschwitz heute noch mal wiederholen könnte. Überdies fragten die Jugendlichen, ob sie und ihre Familie während ihrer Lagerzeit jemals an Flucht gedacht hätten und ob sie nach der Befreiung durch die Kanadier im Frühjahr 1945 in ihrem weiteren Leben Nachteile dadurch erfahren hätte, dass sie Jüdin sei und ob sie sich jemals für ihren Glauben „geschämt“ hätte. Eine Frage, die Frau Weyl sichtlich bewegte, kam von einem Schüler, der sie im Anschluss an den Vortrag fragte, ob „man als junger Mensch“, angesichts derartiger in Deutschland stattgefundener Verbrechen, „heute noch sagen dürfte, dass man ’stolz‘ sei, Deutscher zu sein“. Frau Weyl verwies unter Rückgriff auf ein Zitat von Elie Wiesel, Auschwitzüberlebender und Friedensnobelpreisträger, dass nicht die junge Generation Schuld trage an den Verbrechen der Nationalsozialisten, dass es jedoch ihre – unsere – Pflicht sei, an das, was geschehen ist zu erinnern und diese Erinnerung stets aufrecht zu erhalten.

Darüber, wie die Schülerinnen und Schüler selbst diese Begegnung mit Frau Weyl wahrgenommen haben, sollen die folgenden Äüßerungen Aufschluss geben.

IMG_1266Zuvor möchten wir uns jedoch noch einmal ganz herzlich bei Frau Weyl für ihr Engagement und ihren unermüdlichen Einsatz „gegen das Vergessen“ bedanken. Wir freuen uns schon jetzt auf Ihren nächsten Besuch am 24.06.2014, bei dem sie einen weiteren Vortrag für die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q1 halten wird.

Folgende ausgewählte Zitate stammen von Schülerinnen und Schülern aus der Klasse 9b.

„Der Vortrag war wirklich bewegend. Denn die Art, wie sie erzählt hat, war so anschaulich, dass man sich wirklich in sie hineinversetzten konnte. Sehr anschaulicher Geschichtsunterricht, der einem die Zeit von 1933-1945 besser verstehen lässt.“ Sophie Souvignier

„Ich fand es beeindruckend, wie gut Frau Weyl mit dieser Erfahrung umgeht und dass sie trotz all der traumatischen Erlebnisse noch stolz auf sich ist und zu ihrer Vergangenheit steht. ` Die Vergangenheit darf nicht vergessen werden´. Das ist einer der Sätze, die mir besonderes gut im Gedächtnis geblieben ist. Das habe ich mir zu Herzen genommen und ich werde versuchen, es in späterer Zukunft meinen Kindern weiterzugeben.“ Antonia Ferderer

„Mir wurde bewusst, wie real diese Ereignisse waren. Es fiel auf, dass hinter diesen gigantischen, aber anonymen Zahlen besondere Familien stehen. Die Opferzahlen verloren ein Stück weit ihre Anonymität.“  Marius Tacke

Ich fand es gut, dass Frau Weyl heute hier war. Wir haben viel über das Leben in einem Durchgangslager erfahren.“  Christopher Kannengießer

„Ich fand den Vortrag seht gut. Er hat mir noch einmal geholfen, die Situation und Gefühle der Juden damals besser zu verstehen. Ebenfalls hat der Vortrag bewirkt, dass ich noch mal genauer über die Zeit nachdenke.“ Nia Kretschmann

„Ich wusste nicht, wie grausam die Lebensumstände im Lager waren und dass die Menschen auf engstem Raum nebeneinander und ohne jegliche Privatsphäre lebten.“ Kiumars Mellat Doust

„Es nimmt einen schon mit, weil man das nicht von einem Film vermittelt bekommt, sondern man die Geschehnisse direkt von einer betroffenen Person erfährt. Man kann jetzt besser nachvollziehen, wie es den Menschen erging.“  Lema Safi

„Frau Weyl hat dem Holocaust ein Gesicht gegeben.“ Dzenana Cabric

„Ich bin glücklich, dass ich an so einem Vortrag teilnehmen durfte und somit mein Wissen erweitern konnte.“  Anna Zibajew

„Ich sehe den Vorsatz von Frau Weyl, den Holocaust stets in Erinnerung zu halten als sehr wichtig an, da dies nicht mehr vorkommen darf.“  Tim Scharl

Monique Mattigat für die Fachschaft Geschichte