Eine Zeitzeugin berichtet: „Betrügerischer Schein“

„Das darf niemals wieder geschehen“

Die Aula ist ganz still. Man hört nur das Atmen unseres Sitznachbarn. Man hört nur die kraftvolle taffe Stimme der Dame, die vor uns steht.

Am Donnerstag, den 16.03.2017 beleuchtete Eva Weyl (82 Jahre), eine überlebende Jüdin des Holocaust, ein weiteres Mal, jedoch kein Stück weniger ergreifend als die Jahre zuvor, ihre Familiengeschichte und auch ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen als kleines Kind in einem nationalsozialistischen Durchgangslager in den Niederlanden.

Die Jahrgangstufe 9 versammelte sich gespannt in der großen Aula und richtete ihre Augen gebannt auf Eva Weyl. Auch für die Zeitzeugin war es wieder mal ein ganz besonderes Erlebnis, denn auch ihr Vater war Schüler am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Kleve und machte dort einst sein Abitur.

Die Familie, Besitzer des ursprünglichen Kaufhaus A. Weyl, der heutigen Galeria Kaufhof in Kleve, floh mit der Hoffnung auf Schutz und Neutralität des Landes im Krieg in die Niederlande. Doch dort wies man sie bald an, das Durchgangslager Westerbork aufzusuchen.

„Da hatte ich Angst“

Anfangs noch ein Lager, in dem es wenig Nahrung, kleine Baracken und etliche Diebstähle gab, war Westerbork bald ein einzigartiges Lager in den Niederlanden, welches von einem einzigen großen betrügerischen Schein bedeckt wurde. Es gab eine Schule, welche die junge Eva Weyl besuchte, eine Wäscherei, eine Badeanstalt, einen Spielplatz und abendliche Unterhaltung wie Kabarett. Der Beruf des Vaters als Angestellter in der Lagerverwaltung rettete der Familie oft das Leben. Unter der Führung von Albert Konrad Gemmeker, einem SS- Führer, wurden die Juden vor den Deportationen in die KZs im Osten ruhig gehalten, um Problemen zu entgehen.

„Wir hörten Gerüchte, dass die Juden im Osten getötet werden.“

Schon bevor Westerbork 1945 von kanadischen Soldaten befreit worden war, endeten die Deportationen bereits 1944 und kein Zug fuhr mehr gen Osten in die Konzentrationslager.

Zum Abschluss ihres Besuches durften die Schülerinnen und Schüler der Zeitzeugin noch etliche Fragen stellen. Sie hat dabei noch mehrmals an die Mitschüler appelliert, wir seien verantwortlich für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit und wir müssten dafür sorgen, dass etwas derartiges kein zweites Mal geschehe. Danke für diesen bewegenden Vortrag!

von Sarah Tacke und Laurenz van Bonn, Klasse 9b

 

Hier noch einige Zitate aus dem Vortrag von Frau Weyl:

„Man hat mich nicht gekriegt!“

Immer hat es unschuldige Tote gegeben, aber dieses Mal war es industrielles Morden, es gab Fabriken zum Morden

„Ja, ich wäre lieber Christin gewesen.“

„Nie wieder Auschwitz!“

 

Darüber, wie wir, die Klasse 9b, diese Begegnung mit Frau Weyl wahrgenommen haben, sollen die folgenden Äußerungen Aufschluss geben.

Zuvor möchten wir uns, auch im Namen des Freiherr vom Stein Gymnasiums, jedoch noch einmal ganz herzlich bei Frau Weyl für ihr Engagement und ihren unermüdlichen Einsatz „gegen das Vergessen“ bedanken.

 

Folgende ausgewählte Zitate stammen von Schülerinnen und Schülern aus der Klasse 9b:

Aus dem Besuch von Frau Weyl nehmen wir mit, dass….

  • „die jetzige Jugend dafür verantwortlich ist, dass so etwa nicht noch einmal passiert“ (Moritz Fluch)
  • „man diese schreckliche Zeit nie vergessen soll und wir als ´Zweitzeugen´ diese Informationen über Generationen weiter geben sollen“ (Kaylyn Verkühlen“)
  • „das Böse nur gewinnt, wenn gute Menschen nichts unternehmen“ (Maximilian Sattler)
  • „man nie die Hoffnung verlieren soll“ (Vitus Möllmann)
  • „man die Hoffnung nicht verlieren darf und dass nach etwas sehr Schlimmen wieder etwas Gutes kommt“ (Karam Shahoud)
  • „wir in Zukunft aufpassen sollen, wen wir wählen oder was wir tun“ (Milan Zijstra)
  • „es wichtig ist, andere zu akzeptieren – mit ihrer Religion, Herkunft und allem, was sie als Menschen ausmacht“ (Charlotte Souvignier)
  • „Stolpersteine wichtig und sinnvoll sind“ (Leonie Labod)
  • „es unsere Pflicht ist, die Geschichte weiter zu erzählen, da es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die davon berichten können“ (Leonard Kratz)
  • „die Opfer der Nazi-Zeit nicht bloße Zahlen sind, sondern Personen, die eine eigene faszinierende Geschichte erzählen können“ (Sarah Tacke)
  • „jeder Mensch zählt“ (Emilie Hintzen)
  • „wir für die Zukunft verantwortlich sind und dass wir, wenn wir wählen dürfen, gut überlegen, wen wir wählen“ (Jana Dreis)
  • „man nicht wegschauen sollte, wenn etwas Schreckliches passiert“ (Luise Küstermann)
  • „es damals regelrecht eine Industrie zum Töten gab“ (Florian Winkels)
  • „es wichtig ist, welche Partei man wählt. Wir können nichts mehr an dem ändern, was passiert ist, aber wir können dafür sorgen, dass so etwas in Zukunft nie wieder geschieht“ (Jana Jansen)
  • „jeder Mensch ein Recht auf sein Leben und seine Freiheit hat“ (Lizzy Kersten)
  • „die Hitler-Zeit eine sehr schreckliche Zeit war und es nie wieder so werden darf“ (Chiara Schröter)
  • „systematisch versucht wurde zu morden“ (Melina Verheyen)
  • „die Zahl der Opfer nicht die Schwere einer Tat bestimmt, sondern dass es selbst bei nur einem Opfer schlimm gewesen wäre“ (Hannah Heusipp)