Erich Hertz – eine Erinnerung am 9. November 2008

70 Jahre Reichspogromnacht auch in Kleve

Erich Hertz (1913 – 1943): Maulkorb verweigert!

Auf der Gedenkfeier in Kleve erinnerten Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 c an Erich Hertz, der in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts Schüler unseres Gymnasiums war, das damals noch nicht nach dem Reformer Freiherr vom Stein benannt war.

Im folgenden ist der am 9.11.08 vorgetragene Text dokumentiert (und mit Zwischenüberschriften gegliedert):

Die Jahre in Kleve: Erfahrungen eines jüdischen Schülers

Hertz
Erich und seine Mutter Klara Hertz-Dahl (Quelle)

Kleve zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Der jüdische Kaufmann Lodewijk Hertz, in Arnheim geboren, lässt sich in Kleve nieder und betreibt ein Geschäft mit hochwertiger Herrenmode unter dem Namen “Prince of Wales” in der Großen Strafle 70. Der Beginn des ersten Weltkriegs verbietet es den Laden unter dem eingeführten englischen Namen weiterzuführen, die Herrenmoden werden seitdem unter dem Namen “Hertz” Kunden mit kriegsbedingt geringerer Kaufkraft angeboten.

Auch in den Zwanziger Jahren – die Bezeichnung “golden twenties” muss angesichts der herben Wirtschaftskrisen als nahezu zynisch gelten – vermochte sich der Laden am Markt zu behaupten. Die Familie, Frau Klara Hertz, geborene Dahl, stammte aus Bielefeld, war inzwischen von der Tiergartenstrafle in die Gruftstraße 11 gezogen, von der aus es der im August 1913 geborene Sohn Erich nicht weit bis zum humanistischen Gymnasium hatte, das damals noch nicht den Namen des preußischen Reformers vom Stein trug.

Wir wissen nicht, wie Erich Hertz seine Gymnasialzeit erlebte: Fakt ist, dass auch in Kleve bereits weit vor der Machtergreifung ein gesellschaftlich relevanter aktiver Antisemitismus bestand, dass Toleranz besonders von katholischer Seite oft nur eine Forderung an andere war, dass einer der beiden evangelischen Pfarrer alter Kämpfer war und besonders Lehrer aus Überzeugnis oder Opportunismus nach der Machtergreifung in breiter Front sich als unverhohlene Parteigänger Hitlers und oft auch als manchmal sogar militante Antisemiten outeten und bewiesen.

So wird seine Schulzeit auch für Erich Hertz nicht ohne Belästigungen, Schikanen und Hänseleien gewesen sein, jedoch legen sein Überweisungszeugnis und sein später gezeigtes Verhalten nahe, dass der Schüler Hertz beileibe kein Streber war, er vielleicht auch aneckte. Jedenfalls grenzte das “gesunde Volksempfinden” Juden zunehmend rigider aus, schon bald nach 1933 boykottierte man auch in Kleve bereits jüdische Geschäfte, denen rasch die Existenzgrundlage genommen wurde und die oft ebenso “freiwillig” den Besitzer wechselten, wie die Besitzer ihre Kinder von den weiterführenden Schulen abmeldeten.

Wechsel nach Ahrweiler: Offene Worte führen zur Verhaftung des Oberschülers

Die Eltern Hertz reagierten offensichtlich frühzeitig auf die ersten Signale: Erich verließ 1931 das Klever Gymnasium und wechselte auf das Realgymnasium Ahrweiler-Neuenahr, auf dem er sein Abitur machen wollte, um dann in die Niederlande zu ziehen, seinen Militärdienst abzuleisten und Tropenmedizin zu studieren.

Sein Traum, dokumentiert in der handgeschriebenen “Meldung des Oberprimaners Erich Hertz zur Reifeprüfung Ostern 1934”, war es später als Arzt in Indonesien zu arbeiten  – es sollte ein Traum bleiben! Dem Schul- und Ortswechsel vorausgegangen war ein Kuraufenthalt der Eltern in Ahrweiler, zwei Jahre später fällten diese die Entscheidung, das Geschäft in Kleve aufzugeben und nach Arnheim in die vermeintlich gegen den Nationalsozialismus gefeiten Niederlande überzusiedeln.

Am 1. März 1934 wurde Erich Hertz von einem SA- Mann angezeigt und verhaftet: dem Oberschüler wurde vorgeworfen, dass er am Heldengedenktag beleidigende Äußerungen haben verlauten lassen, wofür auch ein Zeuge benannt wurde. Wörtlich solle der Beschuldigte gesagt haben: “Es ist eine Kulturschande, wie sie heute in Deutschland üblich ist. Nur Frontkämpfer sind berechtigt, eine Gedenkrede zu halten. Der jüdischen Gefallenen wird ja nicht gedacht. Nur General von Blomberg, Reichswirtschaftsminister Schmidt und von Hindenburg haben auch die Juden einbegriffen. Hitler selbst und die anderen Nationalsozialisten wollen dies nicht. Das ist eine Kulturschande”.

Erich Hertz beleidigte einen SA-Mann, indem er sagte: “Auch Sie sind so ein gemeiner Mensch, wie alle anderen Ihrer Sorte”. Wie Erich Hertz über den Nationalsozialismus dachte, damit hielt er auch in feindlich gesinnter Öffentlichkeit nicht zurück, sondern tat seine Meinung unverblümt kund: So hatte er am 8.10.33 als Reaktion auf eine Rede Adolf Hitlers nicht nur für sich das Fazit gezogen: “Bah, ist der ein verfluchter Schweinehund. Er ist ein Genie, aber ein Genie an Gemeinheiten”. Wie Zeugen zu Protokoll gaben, haben der Oberstufenschüler sogar die Äußerung getan: “Wenn ich nicht Rücksicht auf meine Eltern zu nehmen hätte und nicht an die hiesigen Juden dächte, so hätte ich Göring erschossen. Alle Nationalsozialisten müssten erschossen werden. Deutschland muss krepieren. Nieder mit dem Nationalsozialismus”.

In den Niederlanden

Mutig und ohne schützende Taktik hatte sich Erich Hertz im vollen Bewusstsein der Konsequenzen das mittlerweile lebensgefährliche Recht auf freie Meinungsäußerung genommen. Bekanntere Klever sind nur wegen einer unvorsichtigen, nichtöffentlichen Kritik am Hitler-Regime ins KZ gekommen, der Gymnasiast Erich Hertz äußerte sich im vollen Bewusstsein der mit seiner Handlungsweise verbundenen Risiken.

Sein Fall sollte an das Sondergericht in Kln, das für “Politische” zuständig war, verwiesen werden. Erich Hertz konnte am 14.März 1934 die Untersuchungshaft im Amts-Gefängnis Ahrweiler verlassen. Am 28. März meldete er sich in Ahrweiler ab, um als neue Adresse Arnheim anzugeben, wo seine Eltern inzwischen ihren Wohnsitz hatten.

Erich Hertz verzog dann mit den Eltern nach Tilburg, als späteren Beruf finden wir die Angabe Chemietechniker, unter den veränderten Bedingungen war das Studium der Tropenmedizin ein unerfüllter Wunsch geblieben.

Die Progromnacht 1938

In den Niederlanden musste er nicht Augenzeuge werden, wie unter breiter Zustimmung die Synagogen abgefackelt wurden und nicht nur der Mob die Geschäfte plünderte und mutwillig demolierte, sah nicht Schulklassen, die auf Geheiß ihrer Lehrer mit Steinen ausgerüstet, am Morgen nach dem Synagogenbrand ihren Teil zur Zerstörung der Schaufensterscheiben beitrugen, musste in Kleve nicht miterleben, wie der betagte Herr Gonsenheimer in der Kavarinerstrafle in seinem Hauseingang gezielt mit Steinen beworfen wurde von “Juden raus!” gröhlenden HJ-Mitgliedern, bis er mit stark blutenden Kopfwunden zu Boden ging. Er sah auch nicht die Gaffer vor der ausgebrannten Synagoge, die zumeist nicht Abscheu und Betroffenheit an den Schauplatz barbarischen Rassenhasses geführt hatte.

Auch in den Niederlanden aber wird er registriert haben, dass mit der Reichspogromnacht die Ausgrenzung der Juden und ihre planmäßige Entrechtung und Verfolgung eine neue Qualität erreicht hatte, wodurch der in Krefeld wohnende Bruder seiner Mutter und dessen Frau zur Auswanderung in die USA veranlasst wurden. Sie sollten die einzigen Familienmitglieder sein, die den Holocaust überlebten.

Ermordung nach der Okkupation

Erich Hertz wurde im Oktober 1942 von der Polizei in Tilburg zur Fahndung ausgeschrieben, da er, wie es damals hieß, ohne Erlaubnis seinen Wohnort verlassen hatte. Mit dieser verbrämenden Umschreibung verschleierte man die Tatsache, dass der Gesuchte untergetaucht war. Am 31. März 1943 wurde Erich Hertz mit seinen Eltern in Tilburg verhaftet, bereits am 5. April 1943 wurde er ausweislich seines Totenscheins im Konzentrationslager Vught “auf der Flucht erschossen”!

Wahrscheinlich sind ihm sein unausrottbare Widerspruchsgeist auch angesichts evidenter Lebensgefahr und seine ungebrochene Zivilcourage zum Verhängnis geworden. In Vught, das kein Vernichtungslager war, zählte man zwischen Januar 1943 und Herbst 1944 circa 31000 Menschen für kürzere oder längere Zeit als Gefangene.
Vught war aber auch zentraler Ort standrechtlicher, meist willkürlicher Erschießungen von politischen Gefangenen. Hunderte verloren dort ihr Leben,einer von ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach auch Erich Hertz, der sich nicht sprach- und widerstandslos in sein Schicksal fügen wollte.

Mahnung und Vorbild!

Als Schüler des Freiherr vom Stein Gymnasiums Kleve nehmen wir die siebzigste Wiederkehr des Synagogenbrandes in Kleve zum Anlass, an Erich Hertz zu erinnern, der nach eigenem Bekunden unserer Schule musikalische Förderung, literarische Impulse und sportliche Meriten verdankt. Sein mutiges Eintreten für die Wahrheit auch im Angesicht des menschenverachtenden Gegners gereicht uns zum Vorbild und als Auftrag, jedem Auftreten neonazistischer Kräfte von Anfang an entschieden Paroli zu bieten.

Wir danken bei dieser Gelegenheit auch den Schülern der Jahrgangsstufe 10 (Schuljahr 2002) des Peter-Jörres-Gymnasiums Ahrweiler, deren Geschichts-AG unter Leitung von Frau Jeffre sich mit dem Schicksal von Erich Hertz beschäftigt hat, der weithin vergessen war, und Erhebliches zu seiner Klärung beitragen konnte.